Es muss nicht immer die große Blende sein

Die meisten Fotografen lieben die Unschärfe hinter dem Motiv, weil sie das Motiv im Foto von seiner Umgebung abhebt: Dafür ist eine geringe Schärfentiefe gefragt.

Der weichgezeichnete Hintergrund – eine Frage der Blende

Scharfes Motiv, weicher Hintergrund

Die Unschärfe des Hintergrunds erscheint als der einfachste Weg zur Trennung von Motiv und Umgebung – gerade heute, wo wieder große Sensoren und große Anfangsblenden in den Objektiven diese Technik einfach machen.

Nach den Anfangsjahren der digitalen Fotografie, in denen die Kompaktkamera nur in extremen Nahaufnahmen die Unschärfe ins Bild setzen konnte, ist der Drang zur Auflösung hinter dem Motiv verständlich.

Hintergrund unscharf Abbildungsgröße
Blende F/3,5 und Brennweite 85 mm mit Vollformatsensor
Hintergrund unscharf lange Brennweite
Blende F/4 und Brennweite 200 mm mit Vollformatsensor

Auch wenn die große Blende das bevorzugte Mittel für einen unscharfen Hintergrund ist – sie ist nicht das alleinige Instrument, sondern Abbildungsgröße, die Größe des Sensors und die Entfernung zwischen Motiv und Hintergrund haben ein großes Gewicht.

Schon bei einem Porträt von Kopf bis Fuß können nur ein Vollformatsensor und eine große Blende im Verein mit einer großen Brennweite eine deutliche Unschärfe hinter dem Motiv erzielen. Wenn diese Mittel nicht zur Verfügung stehen, müssen andere Mittel für die Trennung vom Hintergrund sorgen oder den Hintergrund in die Bildgestaltung einbeziehen.

Warum wir die Unschärfe hinter dem Motiv lieben …

»Ich will die Szene so festhalten, wie ich sie vor meinen Augen sehe« – das ist ein frommer Wunsch, den keine Kamera umsetzen kann. Zunächst einmal sehen wir dreidimensional, die Kamera erzeugt flaches zweidimensionales Bild.

Wir sehen nicht nur mit den Augen – wir sehen mit Erinnerung, Erwartungshaltung und Kultur. Vor allem aber drücken wir alles, was uns unwesentlich erscheint, vor unserem inneren Augen weg.


Damit beginnt das Dilemma der enttäuschenden Fotos, denn die Kamera erfasst alles vor dem Objektiv mit allen Details, stellt das Motiv nicht deutlich heraus oder degradiert es vielleicht sogar zur Nebensache.

Bei relativ kleinen Motiven und bei Nähe zum Motiv ist die Blende der erste Ausweg aus diesem Dilemma.

Kleine Motive  – kleinere Blende
Bei kleinen Motiven darf es eine kleinere Blende sein, damit die Schärfentiefe das ganze Motiv umspannt.
Schmetterling: Die Schärfentiefe bleibt gering.
Selbst wenn der Schmetterling in der Nahaufnahme nicht groß ins Bild gesetzt wird: Die Schärfentiefe bleibt gering.
Nur die Rosen ganz vorn sind scharf
Nur die Rosen ganz vorn sind scharf im Foto abgebildet.
Mit größeren Motiven  Abstand vom Motiv größer
Mit größeren Motiven wird auch der Abstand vom Motiv größer – da muss die große Blende für die Auflösung hinter dem Motiv sorgen.

Die Schärfentiefe wird bei gleicher Blende um so kürzer, je größer ein kleines Motiv ins Bild gesetzt wird. Bei Nahaufnahmen von Blumen, Schmetterlingen und Vögeln kommt also sofort eine weicher Hintergrund in das Foto.

Bei einer Entfernung von nur drei oder vier Metern sehen wir schon, dass es nur einen geringen Unterschied beim geliebten Bokeh (der schönen Unschärfe vor und hinter dem Motiv) macht, ob die Blende um einen Schritt geschlossen wird. Dafür aber kommt die brillante Schärfe des Objektivs so richtig zum Vorschein, die Fehler des Objektivs verschwinden. So wirkt das Bild viel plastischer und der Unterschied zwischen Motiv und Hintergrund wirkt tatsächlich größer.


Für einen unscharfen Hintergrund müssen wir tief in das Arsenal der fotografischen Mittel greifen und bringen bei vielen Motiven die Fehler des Objektivs zum Vorschein.

Bildgestaltung mit Raum und Schärfe

Wenn wir uns aber die Fotografie aus der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts ansehen, dann waren Raumaufteilung und lange Schärfen das bevorzugte Gestaltungsmittel.

Neben der Unschärfe hinter dem Motiv gibt es viele Gestaltungsmittel: Den Vordergrund durch eine kürzere Brennweite betonen oder die Trennung des Motivs vom Hintergrund durch unterschiedliche Helligkeiten. Da muss man nur sein Motiv mit dem aufmerksamen Auge des Fotografen umkreisen.

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Blende F/4 und Brennweite 200 mm – Bei größerer Entfernung zum Motiv verhelfen weder Blende noch Vollformatsensor zur Hintergrundunschärfe, dem Bokeh. Stattdessen trennen Helligkeit und Farben die kleine Gruppe und das marode Jagdschloss vom dunklen Wald.

Fotografische Unschärfe

Bei großen Motiven und einer größeren Entfernung darf abgeblendet werden: Die große Blende bringt sowieso keine trennende Unschärfe, sondern weniger Gesamtschärfe und Kontrast, dafür mehr Vignettierung.

Landschaft und Architektur profitieren von den mittleren Blenden des Objektivs, meist irgendwo um Blende F8 herum. Hier ist das ganze Bild das Motiv.

Blende F2 Blende F2: Die große Blende bringt weder ein Bokeh – Unschärfe hinter dem fokussierten Motiv – noch eine überzeugende Gesamtschärfe
Blende F8 Blende F8: Mit Blende F8 hingegen zeigt sich eine schöne Gesamtschärfe.
F2 Ausschnitt F2 Ausschnitt: Der Ausschnitt aus dem Foto mit Blende F2 zeigt, das weder das fokussierte Motiv in der Mitte noch der Hintergrund scharf geworden sind.
F8 Ausschnitt F8 Ausschnitt: Für größe Motive ist eine mittlere Blende fast immer die bessere Einstellung.

So, trotz alledem ist die Lichtstärke eines Objektivs immer noch ein großer Sprung für die Qualität, auch wenn die größte Blende, die Offenblende, gar nicht so oft eingesetzt werden muss. Ein lichtstarkes Objektiv bringt einen helleren Sucher, in dem wir die Schärfe mit bloßem Auge besser erkennen, denn der Blick durch den Sucher ist immer der Blick durch die offene Blende.

Der Autofokus ist bei lichtstarken Objektiven schneller. Die meisten Kreuzsensoren des Autofokusfeldes reagieren erst ab Blende F2,8 als Kreuzsensoren. Bei kleineren Blende sind die besonders empfindlich ausgelegten Fokusfelder einfache Fokusfelder.

Die große Blende: mit Fehlern belastet

Die größte Blende des Objektivs zeigt selten die beste Seite des Objektivs. Tatsächlich werden die Fehler eines Objektivs bei der größten Blende am deutlichsten sichtbar:

  • Eine insgesamt weniger gut Gesamtschärfe
  • Die Farben sind weniger brillant, insgesamt ist das Foto mit der offenen Blende oft kontrastarm.
  • Das Bild wird zu den Ecken hin unschärfer und dunkler: Vignettierung.
  • Bei feinen Details – vor allem bei Gegenlicht – treten Farbsäume an den Konturen feiner Details zum Vorschein.
Farbsäume bei großen Blenden
Die große Blende zeigt selbst in der Verkleinerung Farbsäume um feine Strukturen.
Abblenden
Ein oder zwei Blenden abblenden – das kostet nur wenig Bokeh
Farbsäume Vergrößerung
Solche Farbsäume verhindern so manch einer Vergrößerung

Das Foto mit der großen Blende und dem schönen Unschärfenkreisen im Hintergrund hat natürlich seinen Reiz. Um ein oder zwei Blenden abgeblendet ist das Bokeh bei vielen Objektiven nicht mehr ganz so schön.

Immer diese Zwickmühlen! Bei diesem Beispiel hätte es vielleicht schon gereicht, eine etwas andere Aufnahmeposition zu wählen, damit das Gegenlicht milder ausfällt und damit auch die Farbsäume. Dafür aber muss man sein Objektiv gut kennen, denn weder im Sucher noch auf dem Monitor treten die Unterschiede so deutlich hervor.

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