Plus Minus: Mankos der Spiegelreflexkamera

Die Spiegelreflexkamera gilt seit vielen Jahrzehnten als DIE professionelle Kamera schlechthin. Systemkameras ohne Spiegelkonstruktion, aber mit Wechselobjektiven, mit Four-Thirds-, APSC- und Vollformat-Sensoren stellen sich gegen die SLR auf. Diese Systeme knabbern am Markt für Spiegelreflexkameras und bilden die moderne Generation der professionellen Kamerasysteme.

Was ist besser: Spiegelreflex oder Systemkamera?

Der Spiegel bringt keine Qualität ins Foto

Die komplette Mechanik der Spiegelreflexkamera dient nur einem Zweck: Das Abbild durch den Sucher zu schicken. Bei der Aufnahme klappt der Spiegel hoch, der Sucher wird einen Augenblick lang dunkel: Mit der Aufnahme hat das komplette Spiegelsystem nichts zu tun.

Zur Qualität des Fotos aus der SLR trägt die Spiegelkonstruktion in keiner Hinsicht bei, sondern reduziert die Qualität durch den Spiegelschlag im wichtigsten Moment der Aufnahme. Obendrein macht der Spiegel die Konstruktion von Weitwinkelobjektiven teuer – gute Weitwinkelobjektive für eine Systemkamera lassen sich kleiner, leichter und schneller entwickeln und bauen.

Welche Spiegelreflexkamera soll es denn sein?

Darüber entscheiden die eigenen Anforderungen hinsichtlich Auflösung, Robustheit, Ausstattung und natürlich in allererster Linie der Geldbeutel. Dabei ist es interessant, dass ein Unterschied zwischen einer Canon EOS 650D und einer 60D und auch der Unterschied zwischen einer Nikon D3000 und D300 hinsichtlich der Bildqualität nicht wirklich gegeben ist. Der Unterschied zwischen den Einsteigermodellen und den Semiprofis liegt in der Geschwindigkeit, der Haltbarkeit des Schwingspiegels, in der Zahl der Fokusfelder …

In diesem Bereich entscheiden Ausstattung und Geldbeutel über den Kauf: Erst ein Vollformatsensor verheißt wieder einen Sprung, braucht dazu aber auch gleich wieder eine andere Klasse von Objektiven.

Vollformat Spiegelreflexkamera: Schneller und zuverlässiger Autofokus

Canon EOS-1D Mark IV, f4, 70-200m

Mit einem großen Sensor wird der Hintergrund hinter dem Motiv schneller weich und das Bild plastisch – Sensorgröße und Offenblende des Objektivs entscheiden hier.

Vollformat Spiegelreflexkamera: Unschärfe hinter dem Motiv bei großen Blenden

Canon EOS-1D Mark IV, f1,2 85mm

Bei Hochkontrast-Szenen und schlechten Lichtverhältnissen ist die Sensorgröße ein entscheidender Faktor – aber der Spiegel hat darauf keinen Einfluß.

Für qualitätsbewusste Hobbyfotografen ist noch in den meisten Fällen die Einsteiger-Spiegelreflexkamera die Kamera der Wahl – nicht zuletzt, weil das Spiegelreflexsystem von seinem soliden Ruf profitiert.

Die schwachen Seiten der Spiegelreflexkameras

So könnte doch deutlich besser um die Qualität der digitalen SLRs bestellt sein, wenn die Prämisse der Hersteller nicht die Taktik der kleinen Schritte wäre, sondern echte Entwicklungsarbeit in die Digitalkameras fließen würde.

Überholte Belichtungsverfahren

So belichten digitale SLRs – wie einst die analogen Systeme – meist immer noch auf 18% Grau. Digitale Bilder müssen aber auf die Lichter belichtet werden, um ein Ausfressen der Lichter zu verhindern. Auch die Kontrastwiedergabe wird nur langsam optimiert (z.B. durch Verfahren wie das Active D-Lighting von Nikon). Beim typischen Gegenlichtbild können die Systeme entweder den Himmel korrekt belichten oder den Vordergrund – beides gleichzeitig ging in der analogen Fotografie gar nicht und in der digitalen Fotografie geht die Entwicklung erstaunlich langsam voran. Darüber können auch Aufnahmen im RAW-Format und die nachträgliche Bearbeitung nur wenig hinweg trösten.

Überholt: Der schnelle Autofokus der SLR

Auch wenn immer noch zu lesen ist, dass der Phasen-gesteuerte Autofokus der Spiegelreflexkameras deutlich schneller sei als der Kontrast-Autofokus der spiegellosen Kameras: Das stimmt schon lange nicht mehr. Inzwischen erreichen Kameras mit Kontrast-Autofokus das Tempo der schnellsten Spiegelreflexkameras.

Obendrein ist der Kontrast-Autofokus spiegelloser Kameras immer schon zuverlässiger als der Autofokus der Spiegelreflexkamera.

Unzuverlässiger Autofokus

Der Autofokus digitaler SLR Kameras ist aufgrund der spezieller Autofokussensoren nicht immer zuverlässig. Die Ursachen liegen in der Justage zum Aufnahmesensor und den unvermeidbaren mechanischen Toleranzen beim Einsatz von Wechselobjektiven. Das manuelle Fokussieren ist seit dem Wegfall der notwendigen Einstellhilfen im Sucher (Schnittbildindikator und Mikroprismenraster) und den immer kleineren und ungenaueren Suchern der SLR kaum mehr möglich – einen zuverlässigen Sucher bieten nur die Spiegelreflexkameras der Profiklasse.

Langsames und unhandliches Livebild

Aufgrund des heruntergeklappten Spiegels für die Ausspiegelung des Sucherbildes war es nicht ohne weiteres möglich, ein Livebild als Vorschau auf dem LCD-Display von Spiegelreflexkameras zu zeigen. So kommen Spiegelreflexkameras mit LiveView nur zögerlich voran. Neben der höheren Flexibilität für den Fotografen wäre das Livebild in vielen Einsatzbereichen wie der Mikroskopie und der Dokumentation von naturwissenschaftlichen Versuchen hochwillkommen. Aber noch ist der LiveView der aktuellen SLR-Systeme bis auf wenige Ausnahmen unkomfortabel und zu langsam. Ein Display an einer schweren Spiegelreflexkamera, das sich nicht drehen und schwenken lässt, ist keine Alternative zum Sucher.

Die Mär vom guten optischen Sucher

Von der Vorstellung, der Sucher der Spiegelreflexkamera wäre grundsätzlich exakter als der Live View der Systemkamera darf man sich getrost verabschieden. Das Bild ist bei den lichtschwachen Kit-Objektiven dunkel, denn in den SLRs der Einsteigerklasse sitzt ein Spiegel anstelle eines Prismas. Der Bildausschnitt stimmt nicht. Tatsächlich zeigen APS-C-Kameras das Bild, als würde es bei einer kleineren Brennweite aufgenommen, und zugleich zeigt der Sucherrahmen einen kleineren Bildausschnitt als das Foto.

Eine Suchervergrößerung, die kleiner als 1 ist, ist in Wirklichkeit eine Sucherverkleinerung.

Kamera Sucher Suchervergrößerung
Canon EOS 1300d Pentaspiegel 0.50x
Canon 77D Pentaspiegel 0,82x
Nikon D7200 Prismen-Sucher 0,62x
Nikon D3400 Pentaspiegel 0,63x

Die Vorteile der Spiegelreflexkamera

Natürlich haben Spiegelreflexkameras nicht nur Nachteile. Auf jeden Fall bieten sie eine verlässliche Qualität: Das ist ihr großes Plus.

Während der Markt der Systemkameras alle erdenklichen Systeme mit völlig unterschiedlichen Sensorgrößen umfasst – alle Kameras mit Wechselobjektiven –, bekommt der Käufer einer Spiegelreflexkamera einen eine Kamera mit einem APS-C-Sensor (oder einen Vollformatsensor). Ein großer Sensor ist immer noch der Garant für eine hohe Qualität der Fotos – Dynamikumfang und beste Leistung bei hohen ISO-Werten.

Dazu kommt noch das große Angebot an Objektiven, während die Objektivpalette bei Systemkameras noch im Aufbau ist.

Wer sich also nicht in die Abgründe der Fototechnik begeben will, Sensorgrößen und das Angebot der Objektive vergleichen will, ist mit einer Spiegelreflexkamera auch weiterhin auf der sicheren Seite.

Die Zukunft der Spiegelreflexkamera

Systemkameras mit einem APS-C-Sensor liefern dieselbe Qualität und sind so flexibel wie die Spiegelreflexkamera, aber kleiner und leichter. Die Objektive sind leichter und schneller. Die neue Generation von Fotografen will eine kompakte Kamera, die dabei ist, wenn der Sonnenuntergang auf dem Weg von der Arbeit besonders dramatisch ist.

  • Das Angebot an Objektiven für Systemkameras ist kleiner als das riesige Angebot von hervorragenden Objektiven in allen Preisklassen für die Spiegelreflexkamera.
  • Anstelle eines optischen Suchers gibt es bei Systemkameras einen elektronischen Sucher.
  • Die Spiegelreflexkameras der APS-C-Klasse verzeichnen immer noch einen kleinen Zuwachs, aber der Zuwachs der Systemkameras ist größer.

Wenn die Spiegelreflexkamera mitsamt ihrer immer aufwändigen Spiegelkonstruktion überleben will, müssen der LiveView schneller und präziser, die Displays schwenkbar werden. Ansonsten werden – zumindest im Einsteiger- und Mittelfeld – die Systemkameras und hochwertige Kompaktkameras die Spiegelreflexkamera schnell aus dem Feld schlagen.

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